Die ganze Story über Your Friend

 

Vor langer, langer Zeit, auf einer Bank im Park:

Es war wohl 1999, also schon ein Weilchen her, als ich an einem schönen Sommernachmittag auf einer Bank am Heldenplatz saß. Viele Touristen sind unterwegs. Eine junge italienische Familie mit zwei netten Kindern, ein Junge, nennen wir ihn Marco, und seine etwas ältere Schwester Julia, fallen mir besonders auf. Und was fehlt nie bei italienischen Touristen? Ein kleines grünes Buch! Natürlich ist auch der obligate italienische Reiseführer mit dabei. Den hat der Vater in Obhut. Gut, wer schon einmal am Heldenplatz war, der weiß, dass es da so einiges zu sehen gibt. Und schon wandern die Blicke der beiden Kinder fragend aufwärts zum Papa mit dem wissenden Buch. Der lässt jetzt ganz souverän seinen Blick über den Platz schweifen und beginnt in seinem Reiseführer zu blättern. Doch lange kommt nichts. Er wird etwas nervös, und blättert und blättert und blättert....

Ein Rathaus ist keine Kirche

Der Vater, wir nennen ihn einfach Giovanni, tut mir jetzt richtig leid. Wenn er jetzt nicht bald was findet, dann blamiert er sich aber ganz schön vor seinen Kindern. Dabei gibt es doch soviel interessantes über den Heldenplatz zu erzählen: Dass man sich mitten im Regierungsbezirk befindet, dass man soeben am Amtsssitz des österreichischen Präsidenten vorbeigegangen ist oder dass dieses Gebäude dort hinten keine gotische Kirche sondern das Wiener Rathaus ist, obwohl man es leicht mit einer Kirche verwechseln könnte. Ja, viel gäbe es zu sagen.

Was kommt jetzt?

Giovanni will auch etwas über den Platz erzählen. Abermals überblickt er den Platz und sucht dann gleich darauf wieder im Buch. Maria streicht dem Jungen beruhigend über den Kopf und Giovanni blättert und blättert. Mir scheint, er wird immer nervöser.
 Aber jetzt: „Jetzt hat er´s endlich gefunden.“ freute ich mich für ihn.
Doch was passierte?
Anstatt etwas zu sagen faltet Giovanni sein Buch zusammen, mit dem Buch in der Hand legt er seinen Arm um Maria und deutet stumm in Richtung Burgtor. Und bald war die nette italienische Familie aus meinem Blickfeld verschwunden.

Kennt Ihr denn niemanden in Wien?

Ja die italienische Familie tat mir leid. „Sie haben es falsch gemacht“, dachte ich. „Warum sind sie nicht woanders hingefahren, wo sie jemanden kennen. Nach München zum Beispiel. In München wohnt nämlich ein alter Schulfreund von Giovanni. Und dieser Freund hätte sich sicher gerne einen Tag Zeit genommen für seine italienischen Bekannten. Er hätte Ihnen sicher die Stadt gezeigt. Da hätten sie viel mehr davon gehabt als mit einem grünen Buch durchs unbekannte Wien zu laufen. Immerhin ist so ein Städteurlaub ja nicht gerade billig.
„Ja, das wäre besser gewesen. Wenn man eine Stadt besucht dann sollte man dort zumindest einen guten Freund haben, der einen bei der Hand nimmt und einem das wichtigste über die Stadt erklärt, ja das wäre gut.“

Sind Amerikaner klüger?

Ich stand von meiner Bank am Heldenplatz auf und ging langsam zurück Richtung Graben. Ein Schwung japanischer Touristen kam mir entgegen. Ich hatte Zeit und ging ganz langsam, vielleicht war das der Grund warum mich plötzlich jemand ansprach:
„Hello Mister, Excuse me, can you tell me: What is this?“ Wir standen direkt vor dem Schweizertor, mitten in der Hofburg. Das ist eines der historisch bedeutendsten Gebäude in Wien. Und genau hier stand plötzlich diese einfache Frage im Raum. „What is this?“ -Was ist das?
Das wollte nun ein etwas beleibter amerikanischer Pensionist von mir wissen. Eine dicke Kamera mit einem langen Spiegelreflexobjektiv um den Hals, eine Kameratasche umgehängt, eine Baseballmütze am Kopf. Nun, „What is this?“ diese Frage hatte mich jetzt doch etwas überrascht, wenn nicht schockiert.
„In former times the emporer lived here“ das brachte ich in etwas holprigem Englisch in meiner Überraschung gerade noch heraus. „Oh nice“ antwortete er und schien mit meiner Antwort durchaus zufrieden.

Die armen ahnungslosen Touristen

Vorher schon, die italienische Familie und jetzt dieser amerikanische Tourist, alle laufen „wissensblind“ durch die Stadt. Schade, sehr schade, denn es entgeht ihnen viel. Eine Städtereise ist viel mehr wert, wenn man dann auch ein paar Hintergrundinformationen hat, und den Freunden daheim auch noch ein paar Anekdoten über die Stadt erzählen kann. Nun war mir klar, es gibt ein Informationsproblem in der Stadt. Mit einem Buch kannst du dich zwar wunderbar auf die Reise vorbereiten, in der Stadt nützt es dir nicht viel. Es wiegt nur schwer in deiner Tasche, und wenn du dann eine konkrete Information suchst, finde das mal in deinem 300-seitgen Reiseführer! Und das noch bei windigem Wetter mitten am Heldenplatz. Fast keine Chance. Ja, es gab ein Informationsproblem.

Dabei hatte ich ja schon einige Minuten vorher die Lösung für dieses Problem gefunden: Leute, ihr braucht einen Freund in Wien, der mit euch mitgeht, der euch alles erklärt, der immer für euch da ist wenn ihr etwas wissen wollt.
Und ich wusste: „Diesen Freund, den musst du den Leuten geben.“

Jetzt hab ich´s!

So, nun war schon mal eines ganz klar: Mein Projekt wird Your Friend heißen. Klar war auch, ich konnte natürlich nicht einen Freund aus Fleisch und Blut zur Verfügung stellen. Aber mit einem Audioguide würde es gehen. Ich kannte das aus den Museen. „Mach einfach einen Audioguide für die Stadt.“ In der Wiener Innenstadt sind die Sehenswürdigkeiten oft nur wenige Meter voneinander entfernt. Durch die Innenstadt kann man fast wie in einem Museum durchspazieren. Ein Audioguide wird für Wien ideal sein. Und so habe ich den Audio City Guide für Wien erfunden.

Die Odyssee beginnt

Ich war fasziniert von der Idee und begann ohne viel nachzudenken – und das sollte sich später noch einmal bitter rächen- mit der Arbeit an Your Friend. Ich suchte die interessantesten Sehenswürdigkeiten aus, besorgte mir einen Stadtplan und zeichnete die Sehenswürdigkeiten darauf ein. Ich machte Fotos von allen Sights, wälzte Bücher über Wien, recherchierte in Archiven, nahm an Gebäudeführungen teil, besorgte mir historische Tondokumente und begann an den Texten zu feilen. Alle Arbeit geschah am Wochenende oder abends, oder wenn ich mal frei hatte. Ich arbeitete in einem Architekturbüro, aber ich sah, die Recherchen und das Schreiben waren interessant und machten mir Spaß. Die Texte zu den Sehenswürdigkeiten sollten informativ und so kurz als möglich sein, man will ja niemanden langweilen. Und ich glaube das ist auch gut gelungen.
Nach einem halben Jahr hatte ich die Texte weitgehend fertig. Auf Deutsch.
Aber Giovanni und seine Familie sollten mich auch verstehen. Ich bezahlte die Übersetzungen für Italienisch und gleich noch für Englisch, Französisch, und Spanisch auch.

Your Friend büffelt Italienisch, Französisch und Spanisch

Dann kamen die Tonaufnahmen. Ein Freund von mir betreibt ein Tonstudio in Wien und gab mir ein paar gute Tipps, wie man sich in der eigenen Wohnung ein provisorisches Tonstudio einrichten kann.  Für reine Sprachaufnahmen geht das. Ein richtiges Tonstudio zu mieten, das wäre zu teuer. Ich adaptierte die Wohnung.
Nun bezahlte ich die Gerätemieten für die Hi-Fi Aufnahmegeräte. Und ich bezahlte meine Sprecherinnen für Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch.
Dann mussten die ganzen Texte, es waren fast 250 Stück geworden, noch geschnitten und auf mp3 komprimiert werden. Das erledigte ich in nicht enden wollenden Nachtschichten. Dann brauchte ich noch die Abspielgeräte. Ich kaufte einige MP3 Player. Im Jahr 2000 waren das noch innovative und gar nicht so billige Geräte und einige Speicherkarten.
Und siehe da: Your Friend in Vienna war fertig; er war ganz gescheit geworden und beherrschte 5 Sprachen. Aber ich war nicht ganz gescheit gewesen. Your Friend lag vor mir auf dem Schreibtisch, wie sollte er aber zu meinen Gästen kommen? Das hatte ich in meinem Überschwang noch gar nicht bedacht.
Also: Du brauchst jetzt mal eine Homepage, ein paar Prospekte zum Verteilen und suchst Dir für die Player eine Vermietstelle in der Stadt!

Wie ich meine Gäste  finden wollte

Ich begann zuerst eine Vermietstelle zu suchen und fand auch eine. Eine Geldwechselstube in der Hofburg, genau zwischen den beiden Orten wo ich Giovannis Familie und den amerikanischen Pensionisten getroffen hatte. Ha, sehr gut, das ist ja fast wie eine göttliche Fügung dachte ich, sicher ein gutes Omen. Aber schon hier begann das Schicksal mit Giftpfeilen auf mich zu zielen. Glücklicherweise sollte ich noch lange nichts davon bemerken.

Sinnlose Sparmaßnahmen…

Weil ich jetzt doch schon sehr, sehr viel Geld ausgegeben hatte, wollte ich sparen. Ich wollte den Grafiker für die Prospekte einsparen. Ich entwarf die Prospekte selbst. Ich bezahlte den Druck für die Prospekte und meine Stadtpläne und spätestens hier erkannte ich, dass die Idee beim Grafiker zu sparen doch nicht so gut gewesen war. Trotzdem, die Prospekte und den Pläne verteilte ich in Hotels und Lokalen.

…und eine schöne Homepage

Dann brauchte ich noch eine Homepage. Die sollte schon schön sein mit interaktivem Stadtplan und Audiofunktionen. Das wurde dann noch mal so richtig teuer. Aber jetzt konnte ich einfach nicht mehr zurück. Die Homepage war unbedingt notwendig. Ich beauftragte die Homepage und bezahlte sie auch brav. Spannte hier das Schicksal schon zum zweiten Mal den Bogen?

Der Ansturm der Gäste kann beginnen

So, jetzt ist das Projekt fertig, der Ansturm kann beginnen. Fünfzehn MP3 Player warteten auf die Gäste. Vorerst blieb dieser Ansturm aber aus.
Nun hatte es sich so ergeben, dass natürlich auch die Vermietstelle für die Vermietung Geld verlangen wollte. Fand ich auch OK, immerhin haben Sie ja Arbeit mit der Geräteausgabe und mit der Rücknahme und die Abrechnung mussten sie auch machen. Da meine Player auch nicht ewig halten würden, fand ich es auch OK von den Gästen für die Benutzung des Players etwas zu verlangen. Und wenn jemand darauf vergessen wollte das Gerät zurückzubringen? Da muss er eine Kaution hinterlegen, oder mit seiner Kreditkarte bürgen. Mit den zunehmenden Kosten- und Organisationsdetails wurde Your Friend für den Gast immer unattraktiver. Kurz der Erfolg war mäßig. Sehr mäßig. Man konnte die Player zwar schon ab 5 Euro ausleihen, aber wenn man das Gerät länger oder für mehrere Tage haben wollte dann wurde es schon zu teuer. Und das Zurückzubringen war für die Gäste auch umständlich. Trotzdem, die wenigen Leute die die Stadttührung machten fanden es toll. Die Vermietung lief über mehrere Jahre. Lediglich die Kosten die ich für die Anschaffung der Player ausgegeben hatte, konnten zumindest wieder eingespielt werden.

Der Euro überrollt mich

Dann kam die Europäische Union mit vielen Euros auf mich zu. Aber nicht so wie Sie jetzt vielleicht denken. Das Euro Bargeld kam jetzt nach Österreich. Und Sie erinnern sich, oder? Ich hatte meine Vermietstelle bei einer Geldwechselstube eingerichtet, es gab aber keine Schillinge mehr zu wechseln. Na klingelts? Nun bei der Geldwechselstube klingelte es immer seltener. Die Touristen brauchten keine Wechselstuben mehr, da sie ja sowieso fast alle Euros in der Tasche hatten. Nach einigen Jahren kam das unvermeidliche Ende. Die Wechselstube sperrte zu. Der erste Giftpfeil hatte mich getroffen. Ich hatte keine Vermietstelle mehr.

Diese Wunde heilt schnell

Aber das war vorhersehbar gewesen. Ich war mental schon darauf vorbereitet. Auch über anderes hatte ich nachgedacht. „Ist Your Friend eigentlich wirklich das geworden, was du anfangs wolltest?“ hatte ich mich gefragt. Nein nicht wirklich, das Ausleihen der Player war zu kompliziert, das Zurückbringen umständlich und der Service eigentlich zu teuer.

Und jetzt doch noch die Superidee

Die rettende Idee: Mein Gast kann doch seinen eigenen Player verwenden. Ich stelle einfach meine MP3 files auf die Homepage, der Gast lädt sich die files zusammen mit dem Plan herunter, und spielt sie dann von seinem eigenen Player ab. Keine Vermietung, keine Kaution, keine Verwaltung. Das ist super für meine Gäste.

Zum Download…

Vorerst musste ich mich aber um die Homepage kümmern. Ich bezahlte die Änderungen an der Homepage, und flugs, waren alle MP3 Texte in die Homepage eingebunden und standen zum Download bereit.

…den anfangs niemand finden wollte

Ich beobachtete die Besucherzahlen auf meiner Homepage. Die Homepage war jetzt schon mehrere Jahre online. Ich hatte damals monatlich 300 Besucher. Also ca. 10 Besucher pro Tag. Das ist aber nicht sehr viel. Ich fragte mich warum. Ich begann nachzulesen und in Internet Foren zu recherchieren. Eine sehr gute Homepage mit gutem interessantem Content, und der war ja bei mir zweifellos vorhanden, könnte so ca. 2000 Besucher haben, las ich da, ja aber 2000 pro Tag. Und nicht 300 pro Monat. Irgendetwas lief kräftig schief.
Man muss sich um eingehende Links kümmern. Das machte ich. Die Besucherzahlen stiegen, von 300 auf 340 auf 370 auf 390…., sie stiegen aber sie stiegen sehr langsam. Irgendwo in meiner Homepage war der Wurm drin.

Hilfe, das Schicksal zielt schon wieder

Ich hatte eine „geframte Homepage“ das sagt ihnen wahrscheinlich nicht viel. Man könnte es auch so sagen: Die Suchmaschinen lesen keine geframten Hompages, deshalb wissen sie auch nicht was drinnen steht, und deshalb konnte ich dann bei den Suchergebnissen auch nicht angeführt werden. Deshalb nur 300 Besucher. Was war die Konsequenz? Man musste die gesamte Homepage neu aufbauen. Das wird aber teuer werden. Der zweite Pfeil hatte mich getroffen.

Nochmals von vorne

Ich rief Maximilian, meinen neuen Webmaster an. Ja, er könne die Homepage neu aufbauen. Er baute die Homepage neu auf. Ich bezahlte den Neuaufbau der neuen Homepage. Ich muss sagen, es läuft jetzt besser. Die Besucherzahlen steigen jedes Monat, aber von 2000 pro Tag bin ich noch weit entfernt. Vielleicht können Sie uns Ihren Freunden weiterempfehlen, Your Friend ist doch sicher ein Top-Tipp für jeden der nach Wien reisen will, oder? Auch die günstigsten Hotels finden Sie hier.


Oft erhalte ich jetzt Mails wie dieses:

Sehr geehrter Herr Glanzer,
wir kommen soeben von einem 4 tägigem Wien Aufenthalt zurück. Wir haben die eindrucksvolle Stadt dank Ihrer mp3 files näher kennengelernt. In 3 Tagen haben wir 43 geschafft! Wir waren allerdings auch mit den Fahrrad unterwegs. Sehr ergreifend waren die "live" Einspielungen (besonders die von A. Hitler vor der Hofburg). Man kann Ihnen zu Ihrer Arbeit nur gratulieren.

Nochmals vielen Dank
Brambach


Darüber freut man sich natürlich sehr.

Halt, die Videos kommen noch!

Die Führung durch die Innenstadt ist ja schon fertig. Damit haben Sie eine ideale Informationsmöglichkeit, wenn Sie in Wien sind. Damit Sie sich aber auch gut auf die Reise vorbereiten können habe ich Ihnen einige Wien Videos online gestellt. Ich hoffe, sie gefallen Ihnen. Die Videos werden natürlich noch ergänzt, wann immer mein Job es erlaubt.

Jedenfalls wünsche ich Ihnen einen besonders unterhaltsamen und informativen Wien Aufenthalt mit Your Friend in Vienna.


Ihr Johann Glanzer
Your Friend in Vienna